Silber, Gold, Platin - Die Frage des Materials

(Letzte Änderung am 12.05.2019)

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Haben die heutigen Flötisten die Vernunft verloren?

 

Seit langem schon gab es Querflöten in verschiedenen Goldlegierungen. Die erste, soweit ich weiß, war eine 18 Karat Flöte und wurde im Jahr 1869 von Louis Lot gebaut. Übrigens haben die Leute, die dieses Instrument bestellten, wahrscheinlich mehr auf den hohen Preis als auf die hohe Qualität im Dienste der Kunst geachtet, denn es sollte nur ein Geschenk für einen reichen Amateur sein. Diese Flöte blieb lange das einzige Exemplar dieser Art und wurde sogar bald vergessen. Man weiß nicht genau, was mit ihr geschah, bis Jean-Pierre Rampal die im Jahr 1948 erwarb. Eine Weile noch blieben solche Instrumente eine Seltenheit.

 

Seit dem Anfang der Zeit der Metallflöten und bis zur Mitte des XX. Jahrhunderts waren alle Flötisten, auch die besten und anspruchsvollsten, mit Instrumenten aus Silber und sogar aus Neusilber zufrieden. Dagegen spielen heute die meisten Solisten und Orchestermusiker, wie auch sehr viele Professoren und Lehrer und bis zu ihren Studenten Goldflöten. Viele glaube auch tatsächlich, dass sie solche Instrumente brauchen. Ich kenne sogar Amateure, die 14 Karat Flöten besitzen...

 

Und da der Mensch keine Grenzen erkennen will, sollte man wohl eines Tages soweit kommen: Seit ein paar Jahren sind 24 Karat Flöten in Mode. So bieten mehrere Hersteller nun Instrumente an, die um die 100.000 € kosten... (Die Mechanik kriegt man bis jetzt "nur" in 18 Karat.)

Fetischismus oder ein echter Gewinn im Dienste der Musik?

 

Ein Musiker, während er selber spielt, wird oft von seinen Sinnen getäuscht und es ist sehr schwer - wenn überhaupt möglich - seinen eigenen Klang objektiv zu hören.

 

Unsere Wahrnehmung wird vom körperlichen und dem psychologischen Zustand sehr beeinflusst, dazu natürlich von externen Parametern wie der Akustik des Raumes, aber auch vom Gefühl des Gewichts des Instrumentes, oder der Art, wie die Vibrationen sich vom Rohr und der Mechanik bis in die Hände ausbreiten. Noch spreche ich nicht von den mit Edelmetallen verbundenen Vorurteilen und dem Fetischismus.

 

So werden Flötisten, die Instrumente aus unterschiedlichen Materialen ausprobieren, meistens und ehrlich überzeugt, dass die Flöte aus der Legierung mit der höchsten Dichte einen reicheren Klang oder eine höhere Tragfähigkeit hat. So sollte Silber besser als Neusilber, Gold besser als Silber und 24 Karat besser als 14 Karat sein... Aber, wie stark auch immer der spielende Flötist daran glaubt, heißt es noch nicht, dass ein Unterschied für einen Zuhörer tatsächlich zu hören wird. Und auch wenn, ist es noch eine ganz andere Frage, zu wissen, was wirklich an dem Material liegt. Um diese Frage klären zu können, sollte man Flöten haben, die bis auf die Legierung ganz ähnlich sind und vom selben Flötisten unter den gleichen Bedingungen bespielt werden. Was fast unmöglich ist, denn zwei Instrumente sind schon nie ganz gleich.

 

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Seit der Mitte des XX. Jahrhunderts hat die Zahl der Legierungen, aus denen Flöten gebaut werden, stark zugenommen... bis zum Absurdum. Lange wurde überwiegend Neusilber und Silber 900 oder 925/1000 verwendet. Heutzutage werden aus Neusilber nur noch Flöten für Anfänger oder Instrumente der Mittelstufe gebaut. Silber 900 wird so gut wie nicht mehr verwendet. Dafür werden Instrumente aus zahlreichen Legierungen angeboten:

  • Silber: 925, 950, 970, 990, 997 und 998/1000, dazu noch ein paar spezielle Legierungen
  • Silber-Gold-Legierungen: mit 5 oder 15 % Goldanteil
  • Gold: zuerst gab es 8, 9, 14 oder 18 Karat. Seit ein paar Jahren gibt es dazu  10 und 19,5 Karat und nun sogar 22 und 24 Karat. Man soll auch bis 14 Karat mit Weiß- , Rot- und Gelbgold rechnen.
  • Hinzu kommen noch, auch wenn seltener, Platin, Palladium und ein paar weitere Metalle...

 

Querflöten aus Neusilber versilbert, Silber, Silber verplatiniert, 9, 14 und 24 Karat Goldlegierungen und Platin.
Querflöten aus Neusilber versilbert, Silber, Silber verplatiniert, 9, 14 und 24 Karat Goldlegierungen und Platin.

Ich gab früher hier den Verweis zu einer sehr interessanten Studie, die am Institut für Wiener Klangstil der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien von Renate Linortner geführt wurde: "Silber, Gold, Platin - Materialaspekt bei Querflöten - über den Einfluß des Materials auf die akutischen Eigenschaften der Querflöte.

 

Diese Seite ist leider nicht mehr im Internet zu erreichen, aber Sie finden hier eine Kurzfassung zum Herunterladen:

 

Silber, Gold, Platin - Materialaspekt bei Querflöten, Diplomarbeit von Renate Linortner, Kurzfassung

 

Studie zur Frage der Materie.docx

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Wenn Sie die vollständige Fassung lesen möchten, können Sie sich an die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, Institut für Wiener Klangstil wenden.

Dazu noch zwei Anekdoten...

 

Ein der berühmtesten Flötenbauer - ein ehemaliger Flötist des Orchesters der Deutschen Oper und des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, der auch mit den Berliner Philharmonikern gespielt hat - deren Kopfstücke von zahlreichen Spitzenflötisten in der ganzen Welt gespielt werden, erzählte mir: Er selber spielt, mit einem goldenen Kopfstück aus seiner eigenen Herstellung, eine Neusilberflöte...

 

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Ein der größten und berühmtesten Flötisten des XX. Jahrhunderts, ehemaliger erster Flötist der Berliner Philharmoniker, nahm bei einem berühmten japanischen Hersteller am folgenden Experiment teil: Er probierte vor den Mitarbeitern alle Modelle aus. Die Zuhörer, die nicht wussten, welches Instrument er wann spielte, sollten über das Beste abstimmen. Gewählt wurde die günstigste Flöte aus dem Sortiment: eine Flöte aus Neusilber mit Silberkopfstück.

 

Nur zum Nachdenken...