Natalia Borisovna Walter, Pianistin

Ein paar große Pianisten habe ich im Konzert schon erlebt: Pierre-Laurent Aimard, Leif Ove Andsnes, Abdel Rahman El Bacha, François-René Duchâble, Mikhail Pletniov, Radu Lupu, Christian Zimerman... Unter allen ist nur Radu Lupu, der mich musikalisch so beeindruckt hat, wie Natalia Walter.

  

Ende 2007 probte ich mit ihr das Programm für einen Wettbewerb. Es war das erste Mal, dass ich sie hörte, und ich wurde sofort begeistert. So ein singendes Spiel, solch eine natürliche Musikalität! Die Phrasen wurden mit solch einer Intensität geführt... Wie ich über Radu Lupu sagte: Ihre Musik klang wie eine Selbstverständlichkeit. Jeder Ton folgte den vorigen so, als hätte es nicht anders sein können.

 

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In den nächsten Jahren habe ich das Glück gehabt, mit ihr ein paar Mal zusammenzuspielen und sie in - leider sehr seltenen - Konzerten zu hören.

 

Wäre ich ein großer internationaler Solist gewesen, hätte ich sie gebeten, mit mir zu konzertieren, und große Konzertagenturen auf sie aufmerksam gemacht. So wäre sie endlich auch auf großen Bühnen aufgetreten. Ihre Kunst wäre endlich anerkannt worden. Aber ich glaube, sie hätte es sowieso nicht gewollt. Sie hat sich vielleicht einfach nie eine große Karriere gewünscht.

  

Sie wohnte in einer ganz kleinen Provinzstadt - ein kleines Städtchen, kein musikalisches Zentrum. Wie viele denn, dort, hätten ihren Wert schätzen können... Überhaupt, wer zur Musik keine tiefe Beziehung hat, kann so ein Talent gar nicht wahrnehmen. Dazu noch war sie viel zu bescheiden, sodass die, die kein tiefes musikalisches Gefühl haben, glauben konnten, sie sei nur das, was sie von ihr selbst sagte: "Eine normale Frau, die Klavier spielt. Na ja, nicht ganz schlecht. Nu... normal."

  

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Sie ist die Musikerin, die mich am tiefsten berührt hat.

 

Was machte sie denn anders als die anderen Musiker, fast alle die ich in meinem Leben gehört habe? Sicher, empfindet sie tief die Musik. Das machen aber auch andere. Sie aber dazu musizierte absolut aufrichtig, rein. Sie probierte nicht, sich selbst darzustellen, sondern konzentrierte sich nur auf die Musik...

Ein paar biographische Daten

 

Wie ich es bereits schrieb: Sie war extrem bescheiden. Deswegen konnte ich, trotz ich mit ihrer Familie eng verbunden gewesen bin, nur wenig über ihren Laufbahn erfahren.

 

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Für die Aufnahmeprüfung zum Glinka Konservatorium in Nowosibirsk, 1963, schrieb sie diese kurze Lebensbeschreibung: 

 

"Ich, Kuropatkina Natalia Borisovna, geboren am 6.01.1945 in der Stadt Kemerowo (Kusbass, Sibirien, UdSSR), 1952 in der 1. Klasse der Musikschule N. 20 der Stadt Leninsk-Kusneztki aufgenommen. 1959 an der Musikhochschule in Tomsk aufgenommen, 1963 abgeschlossen. Meine Eltern wohnen in der Stadt Leninsk-Kusneztki. Die Mutter, Kuropatkina Valentina Josephovna, Fernsprechbeamtin. Der Vater, Kuropatkin Boris Tirentiewitsch, Leiter der Grubenbau-Agentur."

 

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"Charakterisierung" (Bescheinigung) nach dem Abschluss

in Nowosibirsk (im typisch sowjetischen Stil...)

 

"An die Studentin-Diplomandin am Glinka Konservatorium Nowosibirsk, Kuropatkina Natalia Borisovna, Klasse von V. T. Vassilienko:

  

Eine begabte Pianistin. Besitz Lebendigkeit, Natürlichkeit, gute Virtuosen-Fähigkeiten. Darf als Solistin, Lehrerin und Korrepetitorin tätig sein.

 

Der Abteilungsleiter: V. I. Slonim

 

20. April 1968"

 

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Nach ihrem Studium widmete sie sich ihrer Tätigkeit als Klavierlehrerin an der Städtischen Musikfachschule in Bijsk, deren Klavierabteilung sie auch über 20 Jahre lang geleitet hat.

 

Im Jahr 2000 siedelte sie mit ihrem Mann - Ewald Davidovich Walter (1946-2002), deutschstämmiger Russe, Fagottist und Klarinettist, der ebenso am Glinka Konservatorium abgeschlossen hatte und Lehrer, dann auch Leiter der Musikfachschule in Bijsk wurde - und ihren Kindern nach Deutschland um. In Kassel wurde sie Korrepetitorin an der Institut für Musik der Universität.

Sie hätte auch in großen Konzertsälen, in Berlin, Paris, Amsterdam, Wien und Moskau, bei Festspielen und überall, wo sonst (nicht nur aber auch) so viele schwachsinnige, bloße und egozentrische Virtuosen auftreten, spielen sollen...

 

Sie hätte auch an einer großen Musikhochschule, wo (nicht nur aber auch) so viele "große Künstler" für großes Geld mehr oder weniger tätig sind - unterrichten sollen...

 

Stattdessen - hier im Land von Johann Sebastian Bach, Beethoven und Brahms ! - begleitete sie an der Uni zukünftige gymnasiale Musiklehrer und gab sie kaum ab und zu ein kleines Konzert vor dreißig Leuten in Hannoversch Münden oder in der Region...

 

Eine Geschichte der Verschwendung der Talente...