(Letzte Änderung am 13.05.2018)

Silber, Gold, Platin - Die Frage des Materials

Haben die heutigen Flötisten die Vernunft verloren?

 

Im Jahr 1869 baute Louis Lot die erste Goldflöte (18 Karat). Diese blieb aber lange das einzige Exemplar dieser Art und wurde sogar bald vergessen - bis Jean-Pierre Rampal die im Jahr 1948 erwarb. Solche Instrumente blieben eine Zeit noch sehr selten.

 

Seit dem Anfang des Zeitalters der Metallflöten und bis zur Mitte des XX. Jahrhunderts waren alle Flötisten, auch die besten und anspruchsvollsten, mit Instrumenten aus Silber und sogar aus Neusilber zufrieden.

 

Heute spielen die meisten Solisten, Orchestermusiker und Professoren, viele Lehrer und sogar viele Studenten Goldflöten. Tatsächlich glauben viele, dass sie solche Instrumente brauchen. Ich kenne sogar Amateure, die 14 Karat Flöten besitzen...

 

Da wir keine Grenzen kennen, sollte man wohl eines Tages soweit kommen: Seit ein paar Jahren sind 24 Karat Flöten in Mode. Mehrere Hersteller bieten so Instrumente an, die um die 100.000 € kosten! (Die Mechanik kriegt man - bis jetzt - "nur" in 18 Karat.)

Fetischismus oder echtes Plus im Dienste der Musik?

 

Musiker, während sie selber spielen, werden oft von ihren Sinnen getäuscht und es ist sehr schwer - wenn überhaupt möglich - seinen eigenen Klang objektiv zu hören.

 

Unsere Wahrnehmung wird vom körperlichen und dem psychologischen Zustand wie auch von externen Parametern beeinflusst. Hierzu zählen selbstverständlich die Akustik des Raumes aber auch - unter anderen - das Gefühl des Gewichts des Instrumentes, oder die Art, wie die Vibrationen sich vom Rohr und der Mechanik bis in die Hände ausbreiten. Ganz zu schweigen von den mit Edelmetallen verbundenen Vorurteilen und dem Fetischismus.

 

So werden Flötisten meistens und ehrlich und tief überzeugt, dass eine Silberflöte besser als eine aus Neusilber und eine Goldflöte besser als eine silberne klingt. Wie stark auch immer der Flötist daran glaubt, heißt es aber noch nicht, dass ein Unterschied wirklich zu hören ist. Und auch wenn, ist es noch eine ganz andere Frage, zu wissen, ob dieser Unterschied an dem Material liegt.

Querflöten aus Neusilber versilbert, Silber, Silber verplatiniert, 9, 14 und 24 Karat Goldlegierungen und Platin.
Querflöten aus Neusilber versilbert, Silber, Silber verplatiniert, 9, 14 und 24 Karat Goldlegierungen und Platin.

Hier der Verweis zu einer sehr interessanten Studie, die am Institut für Wiener Klangstil der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien von Renate Linortner geführt wurde:

 

Silber, Gold, Platin - Materialaspekt bei Querflöten

 

Dazu noch zwei Anekdoten...

 

Ein berühmter Flötenbauer - der Flötist des Orchesters der Deutschen Oper und des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin gewesen ist und mit den Berliner Philharmonikern gespielt hat - deren Kopfstücke von Spitzenflötisten in der ganzen Welt gespielt werden, erzählte mir: Er selber spielt, mit einem goldenen Kopfstück aus seiner eigenen Herstellung, eine Neusilberflöte.

 

~ ~ ~

 

Ein der größten Flötisten des XX. Jahrhunderts, ehemaliger erster Flötist der Berliner Philharmoniker, nahm einmal bei einem berühmten japanischen Hersteller am folgenden Experiment teil: Er probierte vor den Mitarbeitern die verschiedenen Modelle aus. Die Zuhörer, die nicht wussten, welches Instrument er wann spielte, stimmten über das beste ab. Gewählt wurde die günstigste Flöte aus dem Sortiment: eine Flöte aus Neusilber mit Silberkopfstück.

 

Zum Nachdenken...