Silber, Gold, Platin - die Frage des Materials

Sind die heutigen Flötisten verrückt?

 

Seit dem Anfang des Zeitalters der Böhmflöte und bis zur Mitte des XX. Jahrhunderts waren alle mit Holz-, Neusilber- und Silberflöten zufrieden. Ja, sogar viele professionelle Flötisten, auch unter den Besten, spielten Instrumente aus Neusilber. Heute spielen die meisten Berufsflötisten, zumindest die meisten Solisten, Orchestermusiker und Hochschullehrer, aber auch viele Studenten Goldflöten. Tatsächlich glauben viele, sie bräuchten so ein Instrument. Ich kenne Lehrer, die nie ein Konzert geben, und sogar Amateure, die 14 Karat Goldflöten besitzen...

 

Da Schwachsinn keine Grenze kennt, sollte man wohl irgendwann zu dem Punkt kommen: Seit ein paar Jahren sind 24 Karat Flöten in Mode... Im Katalog eines Herstellers fand ich eine (allerdings mit der Mechanik "nur" aus 18 Karat), die um die 100.000 € kostet!

Querflöten aus Neusilber versilbert, Silber, Silber verplatiniert, 9, 14 und 24 Karat Goldlegierungen und Platin.
Querflöten aus Neusilber versilbert, Silber, Silber verplatiniert, 9, 14 und 24 Karat Goldlegierungen und Platin.

Flötisten werden oft von ihren Sinnen getäuscht. Wie man seinen eigenen Klang wahrnimmt, wird zum Beispiel vom Gefühl des Gewichts des Instrumentes beeinflusst, oder von dem, wie die Vibrationen sich vom Rohr und der Mechanik bis in die Hände ausbreiten. Ganz zu schweigen von den Vorurteilen und dem Fetischismus. So werden meistens Flötisten ehrlich und tief überzeugt, dass eine Goldflöte besser klingt als eine silberne. Was aber noch nicht heißt, dass ein Unterschied zu hören sei.

 

Sehr kompliziert ist es übrigens, zu wissen, in welchem Maße der Unterschied zwischen dem Klang von zwei Instrumenten tatsächlich an das Material hängt.

 

Hier eine sehr interessante Studie von Renate Linortner, die am Institut für Wiener Klangstil der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien geführt wurde:

 

Silber, Gold, Platin - Materialaspekt bei Querflöten

Dazu zwei kleine Anekdoten:

 

Ein berühmter Flötenbauer, deren Kopfstücke von Spitzenflötisten in der ganzen Welt gespielt werden, der selber auch Flötist ist und seine Karriere als Orchestermusiker angefangen und auch bei den Berliner Philharmonikern mitgewirkt hatte, erzählte mir: Er selber spielt, mit einem goldenen Kopfstück aus seiner eigenen Herstellung, eine Neusilberflöte.

 

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Ein der größten Flötisten des XX. Jahrhunderts, ehemaliger solo-Flötist der Berliner Philharmoniker, nahm bei einem japanischen Hersteller am folgenden Experiment teil: Er probierte vor Mitarbeitern alle Modelle aus. Die Zuhörer, die nicht wussten, welches Instrument er wann spielte, wählten als bestes Instrument die günstigste Flöte aus dem Sortiment - eine Flöte aus Neusilber mit Silberkopfstück.

 

Zum Nachdenken...