Dystonie

 

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Letzte Ergänzung/letzte Veränderung am 12.05.2019

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Es heißt Dystonie, fokale Dystonie oder Musiker-Dystonie. Für einen echten Musiker - desto mehr für einen Berufsmusiker - ist es ein schweres Erlebnis.

 

Es handelt sich um eine Funktionsstörung, die einen bestimmten Muskel oder eine Muskelgruppe  betrifft. Betroffen werden, können sowohl die Finger (die der linken Hand in meinem Fall) als auch zum Beispiel Halsmuskeln, die Lippen,  die Atemmuskulatur oder die Stimmbänder. Eine Dystonie kann eine nur leichte Störung oder eine echte Behinderung verursachen. Nicht selten führt es sogar dazu, dass ein Musiker überhaupt nicht mehr spielen kann. Dies bedeutet also die Unterbrechung, manchmal auch der Abbruch der Karriere. Auch bei einem schlimmen Fall sollte der Betroffene die Hoffnung nie verlieren, aber er/sie muss zumindest mit ein paar sehr schwierigen Jahren rechnen.

  

Mein Kampf gegen die Dystonie fing im Jahr 2008 an. Für mich war das eine sehr schwierige, aber auch höchst interessante und hochwertige Erfahrung. Denn - abgesehen davon, dass meine Motivation dadurch hart geprüft wurde - ich sollte viele technische Aspekte des Flötenspiels wieder und sehr genau betrachten, und meine Arbeitsmethoden und die Art, wie ich mit der Musik überhaupt umging, neu denken. Ich wurde übrigens bald stark davon überzeugt, dass ich eines Tages dank dieser Überlegungen und der vielen Änderungen ein viel besserer Flötist und Musiker sein würde, als ich ohne Dystonie je gewesen wäre.

Um diese schweren Zeiten zu überwinden, benötigte ich eine enorme Motivation.

 

Nach einer Phase, als ich überhaupt nicht mehr flöten konnte, sollte ich wieder lernen, zu üben - vielleicht weniger als davor, aber besser. Ich sollte lernen, ohne zu übertreiben und entspannter, intelligenter und effizienter zu üben, und die Fallen vermeiden, die mich zu dieser Katastrophe geführt hatten. Wieder arbeiten, jeden Tag und trotz aller Schwierigkeiten: trotz Rückfälle, trotz der Traurigkeit, der Wut, des Gefühls der Ungerechtigkeit und der Frustration, und obwohl ich nicht sicher sein konnte, dass ich eines Tages tatsächlich wieder so gut wie früher spielen würde. Ich sollte so lange aushalten, obwohl ich manchmal während Monaten den Eindruck hatte, das alles umsonst zu machen.

 

Die materiellen Schwierigkeiten geschweige ich. Meine berufliche Tätigkeiten hatte ich ja ganz einstellen müssen.

 

Es hat Jahre gedauert: 4 Jahre bis ich echte Konzertprogramme wieder spielen konnte; 8 Jahre, um - fast - das ganze Repertoire wieder spielen zu können.

 

Viele Male bin ich ganz nah davon gewesen, aufzugeben... Hätte ich es aber getan, hätte es wahrscheinlich bedeutet, ich sei kein echter Künstler gewesen.

 

Eine schwere Erfahrung also. Aber ich finde, wenn man nie aufgibt, wenn man durchhält und es vielleicht überwindet, dann ist es auch ein großes Abenteuer. Ich möchte es ja nicht gerne ein zweites Mal erleben müssen, aber ich bin auch nicht unglücklich. Es gehört einfach zu meinem Leben und ich würde es mit dem von keinem tauschen - auch nicht mit Kollegen, die weniger Widerstand und seit ihren jungen Jahren größere Erfolge erlebt haben.

 

Einem, der sich der Musik wirklich widmen möchte, würde ich sogar - und wohlwollend - eine Erfahrung dieser Art wünschen.

Warnung

 

Wenn Sie selber betroffen werden:

 

Seien Sie vorsichtig, wenn Ärzte oder Therapeuten

Ihnen erzählen, sie haben DIE Lösung.

 

Es gibt sicherlich unter denen - mehr oder weniger kompetente aber - ehrliche Leute, aber auch viele, die damit nur einen Weg gefunden haben, um mit der Not der Patienten Geld zu machen.

 

Es gibt auch diese Besonderheit, über die man gerne lachen würde, wenn diese Leute nicht Menschen, die oft schon schwierige Situationen erleben, betrögen und ausnutzten: Musiker oder ehemalige Musiker, die sich als Therapeut vorstellen und erzählen, sie seien selber betroffen worden und haben es überwunden... die aber niemals ein Konzert geben. Ich habe mich selber nie an so einen gewendet, kenne aber Kollegen, die für eine Behandlung mit solchen "Therapeuten" - ich nenne die Scharlatane - teuer bezahlt haben.

 

Ich kann nicht zu stark davon abraten, in der Chirurgie,

Spritzen (z.B. von Botox) oder der Einnahme von Arzneimitteln,

eine Lösung zu suchen.

 

Im besten Fall kann es wenig oder nichts bringen.

Im Schlimmsten könnte es schlimme Folgen haben.

 

Meiner Meinung nach liegt die Lösung weder in einer invasiven Behandlung noch in irgendeiner Substanz, die man zu sich nehmen könnte.

 

Das Problem sitzt in unserem Gehirn. Es ist das Ergebnis schlechter Arbeitsmethoden und einer ungünstigen Art, zu denken. Deshalb kann die Lösung nur in uns sein.

Meine Dystonie: ein detaillierter Bericht

 

I - Die Wahrnehmung der ersten Symptome

- Ende 2007 bis Juni 2008 -

 

Ende 2007, während der Vorbereitung zu einem Wettbewerb bemerkte ich kleine Schwierigkeiten, um die Bewegungen der 3. , 4. und 5. Finger der linken Hand zu synchronisieren, besonders un der 3. Oktave. Es war damals aber kaum spürbar und, ich glaube, nicht zu hören.

 

Bis Juni 2008 ist es ziemlich stabil geblieben. Bei dem Wettbewerb erhielt ich sogar noch den 1. Preis einstimmig. Das war im Januar oder Februar. Ich spürte kaum eine leichte Unannehmlichkeit und machte mir keine große Sorge. Ich dachte, ich bräuchte nur ein paar gut ausgewählte technische Übungen wieder schön langsam zu üben.

 

Kurz danach fing ich an, an dem Programm des nächsten Wettbewerbes zu arbeiten. Es sollte der erste große internationale Wettbewerb sein. Aber...

II - Die Katastrophe

- Juli bis September 2008 -

 

Ab Juli: Innerhalb ein paar Wochen verlor ich ganz die Kontrolle über die Bewegungen des Ringfingers und des kleinen Fingers. Ende August, schon bei den ersten Noten fing der kleine Finger an, zu zittern, während der Ringfinger sich verkrampfte (die 2 ersten Fingerglieder streckten sich, ganz steif, und das 3. machte mit dem 2. einen Winkel von 45°). Am Anfang September konnte ich nicht mehr bloß eine C-Dur-Tonleiter mit Viertelnoten um 40 Schläge/Minute spielen.

 

Ich spürte allerdings keinen Schmerz und meine Hand schien, außer beim Flötenspielen, ganz normal zu funktionieren.

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