Dystonie

 

Seite im Bau

Letzte Ergänzung/letzte Veränderung am 24.06.2019

~ ~ ~

 

Es heißt Dystonie, fokale Dystonie oder Musiker-Dystonie. Für einen echten Musiker - desto mehr für einen Berufsmusiker - ist es ein schweres Erlebnis.

 

Es handelt sich um eine Funktionsstörung, die einen bestimmten Muskel oder eine Muskelgruppe  betrifft. Betroffen werden, können sowohl die Finger (die der linken Hand in meinem Fall) als auch zum Beispiel Halsmuskeln, die Lippen,  die Atemmuskulatur oder die Stimmbänder. Eine Dystonie kann eine nur leichte Störung oder eine echte Behinderung verursachen. Nicht selten führt es sogar dazu, dass ein Musiker überhaupt nicht mehr spielen kann. Dies bedeutet also die Unterbrechung, manchmal auch der Abbruch der Karriere. Auch bei einem schlimmen Fall sollte der Betroffene die Hoffnung nie verlieren, aber er/sie muss zumindest mit ein paar sehr schwierigen Jahren rechnen.

  

Mein Kampf gegen die Dystonie fing im Jahr 2008 an. Für mich war das eine sehr schwierige, aber auch höchst interessante und hochwertige Erfahrung. Denn - abgesehen davon, dass meine Motivation dadurch hart geprüft wurde - ich sollte viele technische Aspekte des Flötenspiels wieder und sehr genau betrachten, und meine Arbeitsmethoden und die Art, wie ich mit der Musik überhaupt umging, neu denken. Ich wurde übrigens bald stark davon überzeugt, dass ich eines Tages dank dieser Überlegungen und der vielen Änderungen ein viel besserer Flötist und Musiker sein würde, als ich ohne Dystonie je gewesen wäre.

Um diese schweren Zeiten zu überwinden, benötigte ich eine enorme Motivation.

 

Nach einer Phase, als ich überhaupt nicht mehr flöten konnte, sollte ich wieder lernen, zu üben - vielleicht weniger als davor, aber besser. Ich sollte lernen, ohne zu übertreiben und entspannter, intelligenter und effizienter zu üben, und die Fallen vermeiden, die mich zu dieser Katastrophe geführt hatten. Wieder arbeiten, jeden Tag und trotz aller Schwierigkeiten: trotz Rückfälle, trotz der Traurigkeit, der Wut, des Gefühls der Ungerechtigkeit und der Frustration, und obwohl ich nicht sicher sein konnte, dass ich eines Tages tatsächlich wieder so gut wie früher spielen würde. Ich sollte so lange aushalten, obwohl ich manchmal während Monaten den Eindruck hatte, das alles umsonst zu machen.

 

Die materiellen Schwierigkeiten geschweige ich. Meine berufliche Tätigkeiten hatte ich ja ganz einstellen müssen.

 

Es hat Jahre gedauert: 4 Jahre bis ich echte Konzertprogramme wieder spielen konnte; 8 Jahre, um - fast - das ganze Repertoire wieder spielen zu können.

 

Viele Male bin ich ganz nah davon gewesen, aufzugeben... Hätte ich es aber getan, hätte es wahrscheinlich bedeutet, ich sei kein echter Künstler gewesen.

 

Eine schwere Erfahrung also. Aber ich finde, wenn man nie aufgibt, wenn man durchhält und es vielleicht überwindet, dann ist es auch ein großes Abenteuer. Ich möchte es ja nicht gerne ein zweites Mal erleben müssen, aber ich bin auch nicht unglücklich. Es gehört einfach zu meinem Leben und ich würde es mit dem von keinem tauschen - auch nicht mit Kollegen, die weniger Widerstand und seit ihren jungen Jahren größere Erfolge erlebt haben.

 

Einem, der sich der Musik wirklich widmen möchte, würde ich sogar - und wohlwollend - eine Erfahrung dieser Art wünschen.

Warnung

 

Wenn Sie selber betroffen werden:

 

Seien Sie vorsichtig, wenn Ärzte oder Therapeuten

Ihnen erzählen, sie haben DIE Lösung.

 

Es gibt sicherlich unter denen - mehr oder weniger kompetente aber - ehrliche Leute, aber auch viele, die damit nur einen Weg gefunden haben, um mit der Not der Patienten Geld zu machen.

 

Es gibt auch diese Besonderheit, über die man gerne lachen würde, wenn diese Leute nicht Menschen, die oft schon schwierige Situationen erleben, betrögen und ausnutzten: Musiker oder ehemalige Musiker, die sich als Therapeut vorstellen und erzählen, sie seien selber betroffen worden und haben es überwunden... die aber niemals ein Konzert geben. Ich habe mich selber nie an so einen gewendet, kenne aber Kollegen, die für eine Behandlung mit solchen "Therapeuten" - ich nenne die Scharlatane - teuer bezahlt haben.

 

Ich kann nicht zu stark davon abraten, in der Chirurgie,

Spritzen (z.B. von Botox) oder der Einnahme von Arzneimitteln,

eine Lösung zu suchen.

 

Im besten Fall kann es wenig oder nichts bringen.

Im Schlimmsten könnte es schlimme Folgen haben.

 

Meiner Meinung nach liegt die Lösung weder in einer invasiven Behandlung noch in irgendeiner Substanz, die man zu sich nehmen könnte.

 

Das Problem sitzt in unserem Gehirn. Es ist das Ergebnis schlechter Arbeitsmethoden und einer ungünstigen Art, zu denken. Deshalb kann die Lösung nur in uns sein.

Meine Dystonie: ein detaillierter Bericht

 

I - Die Wahrnehmung der ersten Symptome

- Ende 2007 bis Juni 2008 -

 

Ende 2007, während der Vorbereitung zu einem Wettbewerb bemerkte ich kleine Schwierigkeiten, um die Bewegungen der 3. , 4. und 5. Finger der linken Hand zu synchronisieren, besonders un der 3. Oktave. Es war damals aber kaum spürbar und, ich glaube, nicht zu hören.

 

Bis Juni 2008 ist es ziemlich stabil geblieben. Bei dem Wettbewerb erhielt ich sogar noch den 1. Preis einstimmig. Das war im Januar oder Februar. Ich spürte kaum eine leichte Unannehmlichkeit und machte mir keine große Sorge. Ich dachte, ich bräuchte nur ein paar gut ausgewählte technische Übungen wieder schön langsam zu üben.

 

Kurz danach fing ich an, an dem Programm des nächsten Wettbewerbes zu arbeiten. Es sollte der erste große internationale Wettbewerb sein. Aber...

II - Die Katastrophe

- Juli bis September 2008 -

 

Ab Juli: Innerhalb ein paar Wochen verlor ich ganz die Kontrolle über die Bewegungen des Ringfingers und des kleinen Fingers. Ende August, schon bei den ersten Noten fing der kleine Finger an, zu zittern, während der Ringfinger sich verkrampfte (die 2 ersten Fingerglieder streckten sich, ganz steif, und das 3. machte mit dem 2. einen Winkel von 45°). Am Anfang September konnte ich nicht mehr bloß eine C-Dur-Tonleiter mit Viertelnoten um 40 Schläge/Minute spielen.

 

Ich spürte allerdings keinen Schmerz und meine Hand schien, außer beim Flötenspielen, ganz normal zu funktionieren.

 

Selbstverständlich sollte ich auf die Teilnahme an diesem großen Wettbewerb, die ich seit Jahren vor hatte, verzichten... wie auf Wettbewerbe überhaupt. Denn - das wusste ich damals noch nicht - ich werde die Altersgrenzen längst überschritten haben, bis ich das große Repertoire wieder spielen können werde.

 

Natürlich konnte ich auch kein Konzert mehr geben, da ich zuerst überhaupt nicht mehr spielen konnte. In der Zeit konnte ich tatsächlich nicht mal die ersten Stücke aus einer Flötenschule für Anfänger spielen.

 

Ich hörte auch bald auf, zu unterrichten - sobald ich verstand, wie schlimm das Problem war, und dass die Lösung eine ziemlich lange Zeit erfordern würde. Unterrichten ohne den Schülern vorspielen zu können, schien mir zu kompliziert und sogar sinnlos. Dazu wusste ich noch nicht, was die Ursache für diese Krise war, und ich konnte fürchten, meinen Schülern die Fehler, die dazu geführt hatten, beizubringen.

III - Der lange Weg der Besserung

- September 2008 bis... -

 

September bis November 2008: Ich fragte zuerst ein paar Kollegen und ehemalige Lehrer, ob sie eine Idee hätten, was mit mir passierte, und mir helfen konnten. Der erste, den ich anrief, (der mich übrigens - wie die anderen mit Ausnahme von einem - nicht empfangen wollte) empfahl mir, einen Osteopath zu besuchen. Das habe ich getan und es führte zuerst zu einer wesentlichen Besserung. Nach ein paar Behandlungen verkrampfte sich der Ringfinger nicht mehr (zumindest in langsamen Tempi und solange ich den kleinen Finger nicht nutzen sollte) und der kleine Finger zitterte auch nicht mehr.

 

Das war schon ein wichtiger Schritt, brachte im Spiel allerdings keine große Verbesserung, denn ich konnte die zwei Finger nicht unabhängig voneinander bewegen. Wenn ich den Ringfinger bewegte, bewegte sich der kleine Finger immer mit. Ich konnte den dazu nicht einfach hoch halten. Der ging grundsätzlich immer, automatisch, langsam nach unten und übereck, bis ganz unter den Ringfinger.

 

Ende 2008 bis April 2009: Da weitere osteopathische Behandlungen keine Bewirkung mehr zeigten, fragte ich Ärzte:

 

- meinen Hausarzt

- einen Chirurg, Spezialist für Handchirurgie (bei dem die Untersuchung - ich übertreibe nicht - nicht mehr als 2 Minuten dauerte! )

- Heilgymnastiker und Ärzte, alle Spezialisten für Musiker-krankheiten an der "Clinique du Musicien et de la Performance musicale" in Paris

- einen Neurologe

 

Nur die Pariser "Spezialisten" schienen zu verstehen, worum es ging. Vielleicht wussten sie auch tatsächlich, worum es ging, offensichtlich aber nicht, wie man das heilt. Denn ich arbeitete dort mit einer Heilgymnastikerin und es ging mir nach ein paar Monaten nur... ein bisschen schlechter.

In diesen ersten Monaten habe ich zumindest eine Sache gelernt: Ich sollte von keinem Hilfe erwarten.

 

Die Ärzte:

 

Die, die keine Spezialisten für Musikerkrankheiten waren, nahmen mein Problem nicht ernst und zeigen dafür überhaupt kein Interesse. Die dachten (wenn man das “denken” nennen darf) wie pure Mechaniker: Es gab keine Verletzung, die Hand sah normal aus und ich konnte sogar meine Finger bewegen... Außer beim Flöten schien die Hand, normal zu funktionieren. Es war also für die nichts Schlimmes und überhaupt kein Problem. Man könnte diese Sichtweise ja verstehen... wenn man vergesse, dass Flöte spielen für einen professionellen Flötisten eine ziemlich wichtige Sache ist... Ehrlich gesagt: Hätten sie ihre Arbeit ernst gemacht und meine Hand bei irgendwelcher Tätigkeit beobachtet, hätten sie das Problem zum Beispiel beim Schreiben oder am Rechner Tippen bemerkt... oder eben beim Flöten. Aber keiner wollte das und die gaben mir keine Gelegenheit, ihnen Bewegungen mit der Flöte zu zeigen.

 

Was nun insbesondere die Pariser "Spezialisten" betrifft: Sie führten nur eine sehr oberflächliche Untersuchung und boten nur vorgefertigte Antworten und Methoden an. Am Anfang hat ihre Reaktion mich doch ermutigt, da sie erzählten, es sei nicht wirklich schlimm und sie wüssten, wie man das behandeln sollte. Die Heilgymnastikerin, mit der ich arbeitete, wollte aber dann an ihrer Methode bloß nichts ändern, als wir feststellen konnten, dass es keine Besserung brachte. Meine Fragen wollte sie auch nicht beantworten. Vor allem deswegen habe ich mich - ziemlich bald, soll ich zugeben - entschlossen, diese Behandlung zu beenden. (Man soll dazu wissen, dass meine Einkommen damals ungefähr bei null waren und die Kosten der Behandlung selbst wie auch die Fahrten nach Paris von der Krankenkasse nicht übernommen wurden, was die Situation selbstverständlich sehr schwierig machte.)

 

Die Kollegen:

 

Wie ich schon erzählt habe, hatte ich ein paar ehemalige Lehrer und Kollegen angerufen. Ich wollte ihnen fragen, ob sie vielleicht selber so etwas erlebt hatten oder Kollegen kannten, die so ein Problem gehabt hatten. Die größte Hilfe ist also der Rat gewesen, eine Osteopath zu besuchen. | War das nun nur eine Art, einen ehemaligen Schüler schnell loszuwerden, ohne den Vorwurf zu riskieren, ihm nicht helfen wollen zu haben? Wenn mir eines Tages ein ehemaliger Schüler - ein netter und unter denen, die am meisten Motivation zeigten - erzählen würde, er habe ein schlimmes Problem der oder einer anderen Art, würde ich ihn selbstverständlich einladen, mich zu besuchen. Jeder echter, wohlwollender Lehrer würde so tun. | Das ist die größte, eigentlich die einzige Hilfe, die ich damals bekam.

 

Von anderen bekam ich solche Antworten, wie: "Es tut mir Leid, aber ich sehe nicht, was ich für dich machen kann." oder "Weiß du, ich bin kein Arzt...". Und beim einzigen, der mich empfing, haben wir mehr als 2 Stunden gespielt und geredet... über seine Lieblingsthemen: vor allem über den Klang und den Instrumentenbau. Meinem Problem wurden weniger als 5 Minuten gewidmet. Es scheint, größeres Interesse verdiente es nicht.

 

Von den Kollegen, die nicht meine Lehrer gewesen waren, mit denen ich nur gespielt hatte, zeigten wohl manche ein bisschen Mitleid, aber man wechselte schnell das Thema, und die meisten gaben vor allem den Eindruck, sie wollten sich von mir fern halten. Als ob dies eine hochansteckende Krankheit gewesen wäre.

 

Ich entschloss also, niemanden mehr zu fragen und allein zu suchen.

Im Bau...

Die Seite wird demnächst, nach und nach ergänzt.