Dystonie

 

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Letzte Veränderung am 5.02.2021

Es heißt Dystonie, fokale Dystonie oder Musiker-Dystonie. Für einen echten Musiker, umso mehr wenn er Berufsmusiker ist, ist es ein schweres Erlebnis.

 

Eine Dystonie ist eine Funktionsstörung, die einen bestimmten Muskel oder eine Muskelgruppe betrifft. Eigentlich liegt das Problem nicht genau an die Muskeln. Diese könnten (zumindest am Anfang noch) ganz normal funktionieren, aber sie bekommen vom Gehirn falsche, das heißt für die Tätigkeit ungeeignete Befehle. Betroffen werden können zum Beispiel die Finger (die der linken Hand in meinem Fall), die Halsmuskeln, die Lippen,  die Atemmuskulatur oder die Stimmbänder. Die Folgen können unterschiedlich schlimm sein - von einer leichten Störung über eine echte Behinderung und bis hin zur totalen Unfähigkeit, bestimmte Bewegungen auszuführen. Für Musiker bedeutet es oft die Unterbrechung ihrer Tätigkeit, manchmal der Abbruch ihrer Karriere.

 

Auch bei schlimmen Fällen sollten die Betroffenen die Hoffnung nie verlieren, aber sie müssen schon mit ein paar sehr schwierigen Jahren rechnen.

 

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Mein Kampf gegen die Dystonie fing im Jahr 2008 an. Es war ein großes Abenteuer, eine sehr schwierige aber auch höchst interessante und hochwertige Erfahrung. Denn - abgesehen davon, dass meine Motivation auch dadurch hart geprüft wurde - ich sollte viele technische Aspekte des Flötenspiels wieder und sehr genau betrachten und meine Arbeitsmethoden und die Art, wie ich mit der Musik überhaupt umging, neu denken. Ich wurde übrigens bald stark davon überzeugt, dass ich eines Tages dank all dieser Überlegungen und der vielen Änderungen ein viel besserer Flötist und Musiker sein würde, als ich ohne Dystonie je gewesen wäre.

 

Es ging allerdings nicht ohne Zweifelsmomente und ich benötigte, um diese schweren Zeiten zu überwinden, eine enorme Motivation.

 

Nach einer Phase, als ich überhaupt nichts mehr spielen konnte, sollte ich wieder lernen, zu üben. Zuerst überhaupt wieder anfangen, zu üben. (Man wird ja schnell faul...) Ich musste auch lange arbeiten, ohne zu wissen, ob dies wirklich nützen würde. Das ist wohl das Schwierigste geswesen. Und ich sollte lernen, anders zu üben - vielleicht weniger als davor, aber besser: ohne zu übertreiben, entspannter, intelligenter und effizienter. Ich sollte die Fallen vermeiden, die mich zu dieser Katastrophe geführt hatten.

 

Tag für Tag wieder arbeiten, trotz aller Schwierigkeiten: Trotz des Körpers, der nicht mehr das machen will, was man ihm befehlt. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr üben, für kleine Fortschritte, oft winzig, kaum wahrnehmbar... und trotz häufiger Rückfälle. Trotz der Traurigkeit, der Wut, des Gefühls der Ungerechtigkeit und der Frustration, und obwohl ich nicht sicher sein konnte, dass ich eines Tages tatsächlich wieder so gut wie früher spielen würde. Ich sollte so lange aushalten, obwohl ich manchmal während Monaten den Eindruck hatte, das sei alles umsonst.

 

Ich geschweige die materiellen Schwierigkeiten. Meine beruflichen Tätigkeiten hatte ich ja ganz einstellen müssen...

 

Es hat lange gedauert: 4 Jahre bis ich echte Konzertprogramme wieder spielen konnte; 8 Jahre, um fast das ganze Repertoire wieder spielen zu können.

 

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Eine schwere Erfahrung also. Aber ich finde, wenn man nie aufgibt, wenn man durchhält und es (vielleicht - ganz oder nahezu) überwindet, dann ist es auch ein großes Abenteuer. Ich möchte es ja nicht gerne ein zweites Mal erleben müssen, aber ich bin auch nicht unglücklich, dass es mir geschehen ist. Es gehört einfach zu meinem Leben - ein Leben, das ich mit dem von keinem tauschen möchte, auch nicht mit dem von Kollegen, die weniger Widerstand und seit ihren jungen Jahren größere Erfolge erlebt haben.

 

Einem, der sich der Musik wirklich widmen möchte, würde ich eine Erfahrung dieser Art sogar - und zwar wohlwollend - wünschen.

Warnung

 

Wenn Sie selber betroffen sind:

 

Passen Sie auch, seien Sie vorsichtig, wenn Ärzte

oder Therapeuten erzählen, dass sie DIE Lösung haben.

 

Es gibt vielleicht unter denen ehrliche (mehr oder weniger kompetente aber ehrliche) Leute, aber auch viele, die damit nur einen Weg gefunden haben, um mit der Not der Patienten Geld zu machen.

 

Ich kann nicht zu stark davon abraten,

die Lösung in der Chirurgie, in Spritzen (z.B. von Botox)

oder der Einnahme von Arzneimitteln zu suchen.

 

Meiner Meinung nach liegt die Lösung weder in invasiven Behandlungen noch in irgenwelcher Substanz, die man zu sich nehmen könnte. Das Problem sitzt in unserem Gehirn, ist das Ergebnis von schlechten Arbeitsmethoden oder einer ungünstigen Art, zu denken. Deshalb kann die Lösung nur in uns selbst sein.

 

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Es gibt auch diese Besonderheit, über die man lachen würde, wenn solche Leute nicht Menschen, die oft schon schwierige Situationen erleben, betrögen und ausnutzten: Musiker oder ehemalige Musiker, die sich als Therapeut vorstellen und erzählen, sie seien selber betroffen worden und haben es überwunden... die aber niemals ein Konzert geben. Ich habe mich selber nie an so einen gewendet, kenne aber Kollegen, die für eine Behandlung mit solchen "Therapeuten" - ich nenne die Scharlatane - teuer zahlen sollten.

Meine Dystonie: ein detaillierter Bericht

 

I - Die Wahrnehmung der ersten Symptome

- Ende 2007 bis Juni 2008 -

 

Ende 2007 (ich bereitete damals das Programm für einen Wettbewerb) bemerkte ich kleine Schwierigkeiten, um die Bewegungen der 3. , 4. und 5. Finger der linken Hand zu synchronisieren, besonders in der 3. Oktave. Es war aber kaum spürbar und, ich glaube, nicht zu hören.

 

Bis Juni 2008 hat es sich kaum verändert. Ich glaube nicht, dass es wirklich schlimmer wurde. Bei dem Wettbewerb, der im Januar oder Februar stattfand, erhielt ich sogar noch den 1. Preis einstimmig. Ich machte mir keine große Sorge, dachte, ich bräuchte nur ein paar gut ausgewählte technische Übungen wieder schön langsam zu üben. Was ich auch tat.

 

Dazu fing ich nach diesem Wettbewerb an, an dem Programm des nächsten zu arbeiten. Es sollte für mich der erste große internationale Wettbewerb sein. Aber...

 

 

Ab da soll der Text korrigiert und ergänzt werden.

 

 

II - Die Katastrophe

- Juli bis September 2008 -

 

Ab Juli: Innerhalb ein paar Wochen verlor ich ganz die Kontrolle über die Bewegungen des Ringfingers und des kleinen Fingers. Ende August, schon bei den ersten Noten fing der kleine Finger an, zu zittern, während der Ringfinger sich verkrampfte (die 2 ersten Fingerglieder streckten sich, ganz steif, und das 3. machte mit dem 2. einen Winkel von 45°). Am Anfang September konnte ich nicht mehr bloß eine C-Dur-Tonleiter mit Viertelnoten um 40 Schläge/Minute spielen.

 

Ich spürte allerdings keinen Schmerz und meine Hand schien, außer beim Flötenspielen, ganz normal zu funktionieren.

 

Selbstverständlich sollte ich auf die Teilnahme an diesem großen Wettbewerb, die ich seit Jahren vor hatte, verzichten... wie auf Wettbewerbe überhaupt. Denn - das wusste ich damals noch nicht - ich werde die Altersgrenzen längst überschritten haben, bis ich das große Repertoire wieder spielen können werde.

 

Natürlich konnte ich auch kein Konzert mehr geben, da ich zuerst überhaupt nicht mehr spielen konnte. In der Zeit konnte ich tatsächlich nicht mal die ersten Stücke aus einer Flötenschule für Anfänger spielen.

 

Ich hörte auch bald auf, zu unterrichten - sobald ich verstand, wie schlimm das Problem war, und dass die Lösung eine ziemlich lange Zeit erfordern würde. Unterrichten ohne den Schülern vorspielen zu können, schien mir zu kompliziert und sogar sinnlos. Dazu wusste ich noch nicht, was die Ursache für diese Krise war, und ich konnte fürchten, meinen Schülern die Fehler, die dazu geführt hatten, beizubringen.

III - Der lange Weg der Besserung

- September 2008 bis... -

 

September bis November 2008: Ich fragte zuerst ein paar Kollegen und ehemalige Lehrer, ob sie eine Idee hätten, was mit mir passierte, und mir helfen konnten. Der erste, den ich anrief, (der mich übrigens - wie die anderen mit Ausnahme von einem - nicht empfangen wollte) empfahl mir, einen Osteopath zu besuchen. Das habe ich getan und es führte zuerst zu einer wesentlichen Besserung. Nach ein paar Behandlungen verkrampfte sich der Ringfinger nicht mehr (zumindest in langsamen Tempi und solange ich den kleinen Finger nicht nutzen sollte) und der kleine Finger zitterte auch nicht mehr.

 

Das war schon ein wichtiger Schritt, brachte im Spiel allerdings keine große Verbesserung, denn ich konnte die zwei Finger nicht unabhängig voneinander bewegen. Wenn ich den Ringfinger bewegte, bewegte sich der kleine Finger immer mit. Ich konnte den dazu nicht einfach hoch halten. Der ging grundsätzlich immer, automatisch, langsam nach unten und übereck, bis ganz unter den Ringfinger.

 

Ende 2008 bis April 2009: Da weitere osteopathische Behandlungen keine Bewirkung mehr zeigten, fragte ich Ärzte:

 

- meinen Hausarzt

- einen Chirurg, Spezialist für Handchirurgie (bei dem die Untersuchung - ich übertreibe nicht - nicht mehr als 2 Minuten dauerte! )

- Heilgymnastiker und Ärzte, alle Spezialisten für Musiker-krankheiten an der "Clinique du Musicien et de la Performance musicale" in Paris

- einen Neurologe

 

Nur die Pariser "Spezialisten" schienen zu verstehen, worum es ging. Vielleicht wussten sie auch tatsächlich, worum es ging, offensichtlich aber nicht, wie man das heilt. Denn ich arbeitete dort mit einer Heilgymnastikerin und es ging mir nach ein paar Monaten nur... ein bisschen schlechter.

Die Ärzte:

 

Die, die keine Spezialisten für Musikerkrankheiten waren, nahmen mein Problem nicht ernst und zeigen dafür überhaupt kein Interesse. Die dachten (wenn man das “denken” nennen darf) wie pure Mechaniker: Es gab keine Verletzung, die Hand sah normal aus und ich konnte sogar meine Finger bewegen... Außer beim Flöten schien die Hand, normal zu funktionieren. Es war also für die nichts Schlimmes und überhaupt kein Problem. Man könnte diese Sichtweise ja verstehen... wenn man vergesse, dass Flöte spielen für einen professionellen Flötisten eine ziemlich wichtige Sache ist... Ehrlich gesagt: Hätten sie ihre Arbeit ernst gemacht und meine Hand bei irgendwelcher Tätigkeit beobachtet, hätten sie das Problem zum Beispiel beim Schreiben oder am Rechner Tippen bemerkt... oder eben beim Flöten. Aber keiner wollte das und die gaben mir keine Gelegenheit, ihnen Bewegungen mit der Flöte zu zeigen.

 

Was nun insbesondere die Pariser "Spezialisten" betrifft: Sie führten nur eine sehr oberflächliche Untersuchung und boten nur vorgefertigte Antworten und Methoden an. Am Anfang hat ihre Reaktion mich doch ermutigt, da sie erzählten, es sei nicht wirklich schlimm und sie wüssten, wie man das behandeln sollte. Die Heilgymnastikerin, mit der ich arbeitete, wollte aber dann an ihrer Methode bloß nichts ändern, als wir feststellen konnten, dass es keine Besserung brachte. Meine Fragen wollte sie auch nicht beantworten. Vor allem deswegen habe ich mich - ziemlich bald, soll ich zugeben - entschlossen, diese Behandlung zu beenden. (Man soll dazu wissen, dass meine Einkommen damals ungefähr bei null waren und die Kosten der Behandlung selbst wie auch die Fahrten nach Paris von der Krankenkasse nicht übernommen wurden, was die Situation selbstverständlich sehr schwierig machte.)

 

Die Kollegen:

 

Wie ich schon erzählt habe, hatte ich ein paar ehemalige Lehrer und Kollegen angerufen. Ich wollte ihnen fragen, ob sie vielleicht selber so etwas erlebt hatten oder Kollegen kannten, die so ein Problem gehabt hatten. Die größte Hilfe ist also der Rat gewesen, eine Osteopath zu besuchen. | War das nun nur eine Art, einen ehemaligen Schüler schnell loszuwerden, ohne den Vorwurf zu riskieren, ihm nicht helfen wollen zu haben? Wenn mir eines Tages ein ehemaliger Schüler - ein netter und unter denen, die am meisten Motivation zeigten - erzählen würde, er habe ein schlimmes Problem der oder einer anderen Art, würde ich ihn selbstverständlich einladen, mich zu besuchen. Jeder echter, wohlwollender Lehrer würde so tun. | Das ist die größte, eigentlich die einzige Hilfe, die ich damals bekam.

 

Von anderen bekam ich solche Antworten, wie: "Es tut mir Leid, aber ich sehe nicht, was ich für dich machen kann." oder "Weiß du, ich bin kein Arzt...". Und beim einzigen, der mich empfing, haben wir mehr als 2 Stunden gespielt und geredet... über seine Lieblingsthemen: vor allem über den Klang und den Instrumentenbau. Meinem Problem wurden weniger als 5 Minuten gewidmet. Es scheint, größeres Interesse verdiente es nicht.

 

Von den Kollegen, die nicht meine Lehrer gewesen waren, mit denen ich nur gespielt hatte, zeigten wohl manche ein bisschen Mitleid, aber man wechselte schnell das Thema, und die meisten gaben vor allem den Eindruck, sie wollten sich von mir fern halten. Als ob dies eine hochansteckende Krankheit gewesen wäre.

 

Ich entschloss also, niemanden mehr zu fragen und allein zu suchen.

In den ersten 3 oder 4 Jahren habe ich viel experimentiert, besonders im Bereich der Haltung, und wechselte deswegen auch oft das Instrument. Ich spielte in der Zeit, als die Dystonie anfing, eine Flöte mit Ringklappen und vorgezogener G-Klappe. Zuerst kehrte ich zu einer mit der G-Klappe in Linie zurück. (So eine hatte ich die ersten 10 Jahre gespielt.) Es schien mir, ein bisschen besser zu sein, aber der Osteopath und die Pariser "Spezialisten" empfahlen mir doch ein Instrument mit vorgezogener G-Klappe. Ich folgte ihren Rat. Nun bald wurde es wieder schlechter und ich kam also zurück zu einer mit G in Linie. In den nächsten Jahren wechselte wieder, jedes Jahr mindestens 10-mal, zwischen G in Linie oder vorgezogener Klappe, Ringklappen oder geschlossenen Griffdeckeln... Ich wechselte jedes Mal, als ich an die Haltung etwas änderte und wenn eine andere Mechanik schien, dazu besser zu passen. Und es wurde fast immer zuerst besser, sodass ich glauben konnte, ich habe die Lösung gefunden. Jedes Mal aber wurde es auch nach wenigen Tagen wieder schlechter.

 

Ich habe eine gewisse Zeit gebraucht, um zu begreifen, dass es eigentlich keine große Rolle spielt, ob die eine Klappe da oder 1 Zentimeter weiter ist. Natürlich... Ebenso, ob ich die Hand so oder so oder das Handgelenk mit einem ein bisschen größeren oder kleineren Winkel halte...

 

Doch zuerst, im Mai (immer noch 2009), nachdem ich die Haltung des Daumens und die Art, diesen Finger zu artikulieren, geändert hatte, wurde es so viel und so schnell besser, dass ich schon dachte, ich habe die Lösung gefunden. Nach kaum ein paar Tagen konnte ich ja den kleinen Finger wieder hoch halten. Es scheint vielleicht, ein winziger Schritt zu sein, war aber schon ein riesiger Fortschritt! Ich konnte den Finger zwar nur halten, beherrschte dessen Bewegungen noch nicht, aber so drückte er nicht mehr immer ungelegen auf die Gis-Klappe. Solange ich den nur hoch halten sollte (solange ich also die Gis-Klappe nicht benutzen sollte), blieb die Hand auch ziemlich entspannt. Ich konnte so zumindest ein paar Stücke in einfachen Tonarten, wie C-Dur, F-Dur, G-Dur, D-Dur und d-moll, fast wie ein normaler Flötist wieder spielen. Damit gewann ich natürlich kein großes Repertoire wieder, aber es war schon ein guter, ein sehr erfreulicher Anfang. 9 Monaten lang hatte ich ja überhaupt nicht, gar nichts spielen können...

 

Ein paar Monate später konnte ich wieder - solange ich nur diesen Finger allein bewegen sollte - den kleinen Finger hochheben, ohne dass der Ringfinger auch automatisch mit hoch geht. Die Kombination Gis-G in den 2 ersten Oktaven konnte ich also wieder - zumindest in sehr langsamen Tempi spielen.

 

Dezember: Zum ersten Mal seit Mai 2008 durfte ich wieder vor dem Publikum auftreten. Das für mich spielbare Repertoire beschränkte sich damals noch auf kaum einige Stücke. In diesem sehr bescheidenen Konzert enthielt mein Beitrag den 1. Teil aus der Fantaisie pastorale hongroise von Doppler, das Andante KV 315 von Mozart, eine Version für 2 Flöten und Klavier des Kanons von Pachelbel und eine Trio-Sonate von Quantz.

2010

 

Ein grausames Jahr! Eigentlich wurde es doch ein bisschen besser, aber es waren nur so kleine, winzige Fortschritte, es ging so langsam, dass ich meistens von einem Monat zum nächsten gar keinen Unterschied wahrnehmen konnte. Immerhin konnte ich am Ende des Jahres wieder - in sehr langsamen Tempi - den linken kleinen Finger und Finger der rechten Hand gleichzeitig und synchron bewegen, ohne dass die Hand verkrampft. Das heißt, zum Beispiel mit Achtelnoten um 40 Schläge/Minute konnte ich die Folgen Gis'-Fis' bis Gis'-C' und Gis''-Fis'' bis Gis''-E'' wieder spielen. Um diesen Punkt zu erreichen, habe ich stundenlang endlos nur diese Griffwechsel extrem langsam üben müssen. Gis-Dis'' und nahezu alle Folgen mit Gis in der 3. Oktave blieben trotz dieser mühsamen Arbeit (wegen der gleichzeitigen Bewegung des kleinen Fingers und des Zeigefingers) noch unspielbar.

 

Ich nahm in diesem Jahr wieder an zwei kleinen Konzerten teil, spielte ein oder zwei Stücke da oder da in einem Gottesdienst... Im ganzen Jahr habe ich als Repertoire etwa 12 einfache Stücke oder Sätze wieder gewonnen.

2011

 

Januar: Ich konnte wieder den kleinen Finger und manche Finger der linken Hand synchron bewegen. So konnte ich nun wieder (wie immer, zuerst nur in sehr langsamen Tempi) Gis-A, Gis-C und Gis-Cis in den 2 ersten Oktaven spielen. Unmöglich blieb noch, den kleinen Finger mit dem Zeigefinger oder dem Mittelfinger ordentlich zu bewegen. Die folgenden Kombinationen konnte ich immer noch nicht:Gis-Dis'', Gis-D'', Gis-D''', Es'''-D''' und Es'''-A'''; As-B und Gis-H in den 2 ersten Oktaven, Es'''-F''', Dis'''-Fis''', Dis'''-H''' und Gis'''-H'''.

 

Februar: Seit dem Anfang, vor nun schon mehr als 2 Jahren, habe ichimmer wieder gedacht, 10 bis 20-mal im Jahr, die Lösung gefunden zu haben. Dieses Mal aber hatte ich es wirklich geglaubt! Zum ersten Mal konnte ich, mit einer bestimmten Haltung, wieder alle möglichen Folgen spielen - zwar langsam, aber sauber. Bald, schon nach ein paar Tagen, sollte ich aber feststellen, diese Haltung war nicht auszuhalten... Die verursachte so viel Spannung in der Hand, dass ich nie bloß 2 Stunden am Tag spielen können hätte. Sowieso, auch von den Schmerzen abgesehen, wäre mit solch einer Spannung ein schnelles und flüssiges Spiel sicher nie möglich gewesen.

 

April bis Juli sind vier sehr optimistische Monate gewesen. Ich dachte, ich hatte einen riesigen und endlich echten Fortschritt gemacht. Dieses Mal schien es ja, eine dauerhafte Besserung zu sein. Es waren zwar noch viele Stellen, die ich nur sehr langsam spielen konnte, aber so konnte ich alles, und alles entspannt spielen. Übrigens: Mit zum Beispiel dem Putzstab anstatt einer Flöte in den Händen konnte ich schon alle Bewegungen fast normal machen… Mein Gefühl war, es sei kein körperliches, kein rein mechanisches Problem mehr. Mein Gehirn wollte nur noch schlechte Bewegungsmuster wiederholen, die ich durch verkehrtes Üben über mehrere Jahre automatisiert hatte. Ich sollte also "nur noch" diese schlechten Automatismen ganz verlernen.

 

Um meinen Enthusiasmus zu erklären: Ich konnte ja schon seit Mitte 2009 die C-, F-, G- und D-Dur-, und d-moll Tonleitern fast wie ein normaler Flötist spielen (z.B. die Übung E.J.4 von Taffanel und Gaubert, mit Sechzehntelnoten bis um 160 Schläge/Minute). In allen anderen Tonarten aber sollte ich bei vielen Stellen Noten eine bis zu mehreren Sekunden lang halten, um zu vermeiden, mich nicht zu verspannen. In den letzten Monaten hatte sich die Situation verbessert. Zuerst spürte ich einfach weniger Spannung. Dann habe ich e-moll (bis 120), später auch a-moll (bis 80) wieder gleichmäßig spielen können. Anfang Juli waren ein paar weitere Tonarten spielbar, in den nächsten Tagen kamen noch einige hinzu, bis ich am 15. Juli das ganze Zyklus mit allen Dur- und moll-Tonleitern wieder spielen konnte - zwar immer noch langsam, aber gleichmäßig, sauber und entspannt. Noch ein paar Tage später konnte ich die Übung E.J. 10 (Dreiklänge aller Arten und in allen Tonarten) zum ersten Mal wieder spielen. Ich durfte viele Werke wieder üben: Manche Suiten und Sonaten von J.S. Bach, die Fantasien von Telemann, die 1. Sonate von Philippe Gaubert, die "Joueurs de flûte" von Albert Roussel... ja, sogar einige Capricen von Karg-Elert!

 

August: Nun sollte ich schon wieder feststellen, dass die Änderungen der vorigen Monate doch keine wesentliche, dauerhafte Besserung ergeben hatten. Manche schwierige Stellen hatte ich an einem Tag entspannt spielen können, bei denen die Hand am nächsten Tag wieder blockierte. Es waren schon 3 Jahre vergangen und ich hatte immer noch keinen entscheidenden Schritt gemacht... Ich wusste immer noch keine Lösung und blieb verloren, wie blind in einem Labyrinth.

 

Ende Oktober: Kann es sein, dass ich endlich die Lösung gefunden habe? Das wird sich in den nächsten Wochen zeigen...

 

Die Folge schrieb ich erst mehrere Monate später. Ich habe zuerst dafür keine Zeit gehabt, aber auch und ehrlich gesagt, hatte vor allem keine Lust, was darüber zu schreiben. Das Problem war wohl nicht gelöst. Wenn ich die Sache mit kühlem Kopf betrachtete, dachte ich zwar immer noch, diese Änderungen (überhaupt mit weniger Kraft und viel leichteren Fingern spielen, und eine kleine Änderung in der Haltung, die zu weniger Spannung besonders in der linken Hand führte) könnten nur positiv wirken. Es sollte schon richtig sein, könnte zumindest nicht schaden, aber in den folgenden Monaten konnte ich immer noch nicht sagen, dass es wirklich besser ging.

 

Am 28. November hatte ich einen Termin in Hannover mit - so wird er oft vorgestellt - einem der besten Spezialisten für Musiker-Dystonie in Deutschland. Seitdem ich in dem Land lebte, wurde er mir von mehreren empfohlen. Er hatte einen sehr guten Ruf und war übrigens selber Flötist (hatte bei Aurèle Nicolet und William Bennett an der Musikhochschule in Freiburg studiert). Ich hatte mich bis dahin geweigert, ihn zu besuchen, weil ich Ärzte nicht mehr vertraute, aber auch weil ich nun sehr ungern gehabt hätte, dass jemand mir die Lösung gibt. Ich hatte ja schon so lange gesucht, war vielleicht nun ganz nah daran gekommen... Ich wollte es allein schaffen. Ich hatte auch gesagt, ich würde niemanden mehr nach Hilfe fragen, aber, nach über 3 Jahren und in einer Zeit, als mir die Kraft fehlte, habe ich mich doch überredet und dies noch versucht.

 

Es schien mir, die Untersuchung wurde ernsthaft geführt. (Anders als in Paris...) Dann gab mir der Professor allerdings weder eine Lösung noch Ratschläge. Er erklärte mir nur noch ein bisschen über das Funktionieren des Gehirns bei Dystonikern und sagte über meine aktuelle Arbeit und die Richtung, in die ich seit ein paar Wochen suchte, dass er da nichts Verkehrtes sah und sogar meinte, es könnte wohl zur Lösung führen. Viel weiter gekommen war ich also nicht, aber ich wurde zumindest ein bisschen ermutigt. Mehr hatte ich eigentlich nicht wirklich gehofft.

 

Er verschrieb mir jedoch ein Arzneimittel: der Parkopan, das zum Beispiel zur Behandlung der Parkinson-Krankheit verwendet wird und helfen sollte, mein Gehirn besser oder schneller so zu sagen neu zu programmieren. Arznei mag ich aber nicht. Das letzte Mal, dass ich eine einnahm (das war im Jahr 2004, ich glaube), sollte ich zuerst Blut spucken, bis ich dazu kam... Ende 2011 kämpfte ich aber schon seit mehr als 3 Jahren. Ich war müde, entkräftet, und habe gedacht, wenn ich dank dessen nur noch ein paar Wochen oder Monate brauche, anstatt sonst ein oder mehrere Jahre, um wieder vernünftig spielen zu können, dann würde es sich vielleicht doch lohnen. Ich probierte also, unterbrach aber die Behandlung nach ein paar Tagen. Das Mittel hatte sehr starke Nebenwirkungen, machte mich so müde, dass ich mich den ganzen Tag wie ein Zombie fühlte. Ich kam auch ganz schlecht mit der Idee zurecht, freiwillig und bewusst einen chemischen Stoff zu mir zu nehmen, der direkt auf mein Gehirn wirkt... Dazu hätte ich auch nicht meine Rettung einer Pille verdanken wollen.  Ich dachte, sowieso: Wenn ich nun alles richtig mache, wird alles irgendwann wieder in Ordnung; nur würde es vielleicht mehr Zeit brauchen. Wenn ich aber immer noch verkehrt mache und die Fehler, die zur Dystonie geführt haben, nicht korrigiere, dann würden auch alle Pillen der Welt das Problem nicht lösen. Ich entschloss mich also, einfach so weiter zu machen, wie vor dem Termin, erklärte dem Arzt, dass und für welche Gründe ich die Behandlung unterbrochen hatte, und wir besprachen, dass ich ihm nach ein paar Monaten erzählen würde, wie es sich entwickelt hat.

 

- Inzwischen habe ich mehr über ihn erfahren

und ich kann nicht zu sehr davon abraten,

sich von ihm behandeln zu lassen. -

2012

 

Seit Oktober 2011 dachte ich also, dass ich das Problem und seine Ursachen wirklich verstanden und die Lösung vielleicht gefunden hatte. Ich konnte aber nicht sicher sein, dass ich mich nicht noch einmal täuschte, und wenn die Veränderungen in meinem Spiel und dem Üben tatsächlich wirken sollten, wusste ich auch nicht, wie viel Zeit es brauchen würde. Eine Besserung war jedenfalls in den nächsten Wochen erstmal nicht zu bemerken und die folgenden Monate und das gesamte Jahr sind also noch ziemlich schwere Zeiten gewesen. Ich hatte zwar wohl das Gefühl, dass sich etwas veränderte, aber es ging immer noch so langsam, dass ich die Fortschritte nicht wirklich wahrnehmen konnte - natürlich nicht von Tag zu Tag, aber auch nicht von Woche zu Woche oder von Monat zu Monat. Allerdings wurde es doch langsam besser, sodass ich immer nach 4 oder 6 Monaten ein oder ein paar neue Stücke wieder spielen konnte.

 

Juli: In meiner Stadt Hann. Münden habe ich zwei kleine Konzerte gespielt - ein mit Klavier, und ein für 2 Flöten mit meiner besten Freundin, die gerade ihr Studium in Paris abschloss. Ich wählte wieder ein Repertoire ohne große technische Schwierigkeiten aus: eine Sonate von Händel, die Suite BWV 1009 von J.S. Bach und die 3 Romancen op. 94 von Schumann; eine Suite von Boismortier und Sonaten für 2 Flöten von Blavet, Telemann und Wilhelm Friedemann Bach. Für das erste Konzert wollte ich allerdings ursprünglich nicht die Suite von Johann Sebastian Bach sondern die Sonate für Flöte allein von Carl Philipp Emanuel spielen, aber ich habe das Programm kurzfristig ändern sollen. Es ist zwar kein technisch schwieriges Stück, aber für meine Hand waren einige Passagen (manche Kombinationen mit Gis)in dieser Zeit noch kritisch. In den letzen Tagen vor dem Konzert fühlte ich in der Hand immer mehr Spannung, und das Spiel überhaupt wurde wieder schlechter. Die Suite von Johann Sebastian ist eigentlich eher schwieriger, aber die Tonart (C-Dur) machte es mir leichter. Für die Sonate von Carl Philipp Emanuel war es noch zu früh.

 

~ ~ ~

 

Es wurde noch ein ziemlich schwieriges Jahr, jedoch hatte ich nun das Gefühl, dass etwas Wesentliches sich veränderte, sodass ich an einem optimistischen Tag am 14. August 2012 schrieb:

 

Meine Hand macht zwar oft noch nicht genau das, was ich möchte,

und es sind viele Werke, die ich immer noch nicht spielen kann,

dennoch sage ich heute: "Die Zeit der Dystonie" ist vorbei.

 

Damit meinte ich, ich sei kein Kranker mehr sondern eher ein Rekonvaleszent. (Die Dystonie als eine Krankheit bezeichnen ist, meiner Meinung nach, übrigens nicht genau richtig. Es ist nur eine einfache Art, mich auszudrücken.)

 

Eine unangenehme Wahrheit sollte ich allerdings akzeptieren: Es wird kein Wunder, werden keine rasante Fortschritte. Es ist nichts zu tun, was das Problem in wenigen Tagen oder ein paar Wochen lösen kann, und es wird wahrscheinlich noch Jahre dauern, bis ich das technische Niveau, das ich vor der Dystonie hatte, wieder erreiche. Etwas Anderes, Positives, ist mir aber auch jetzt ganz klar - das hatte ich schon ziemlich am Anfang geahnt und gehofft, jetzt bin ich aber wirklich sicher: Ich werde eines Tages besser, viel besser spielen, als ich je ohne Dystonie geschafft hätte. Nun, heute bin noch weit davon...

 

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Am 4. November fand in der schönen romanischen Abteikirche in Ottmarsheim (im Elsass) mein seit der Dystonie erstes echtes Recital statt - auch das erste Konzert außerhalb meiner kleinen Stadt Hann. Münden. Mit einem Kollegen am Cembalo spielten wir Sonaten von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach. Wiederum aber sollte ich die Sonate für Flöte allein von Carl Philipp Emanuel kurzfristig durch ein anderes Werk  ersetzen.

2013

 

Im Sommer spielte ich in Frankreich 3 neue Konzerte mit Cembalo. Neben Sonaten, die wir im vorigen Jahr aufgeführt hatten, wie die BWV 1020 und die Hamburger Sonate, kamen neue: die Sonate BWV 1031 (in Es-Dur - eine seit der Dystonie sehr problematische Tonart) und - endlich - die Sonate für Flöte allein von Carl Philipp Emanuel.

 

In dem Jahr probierte ich wieder mal meine allen Noten aus. Ein bisschen mehr als die Hälfte konnte ich nun spielen. Unter den in diesem Jahr wieder gewonnenen Werken: Die Sonaten von Hindemith und Martinu, die Variationen über "Nel cor piu" von Theobald Böhm,Konzerte von C.P.E. Bach, Vivaldi, Mozart, Romberg, die Sequenza von Luciano Berio...

 

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Als wir über das Programm für ein Konzert, das ich mit einem russischen Pianisten im folgenden Jahr spielen sollte, redeten, schlug jemand die Sonate von Prokofiev vor. Natürlich hatte ich auch an das Werk gedacht... Ich sagte aber, es sei noch zu früh, das Stück sei zu schwer und meine Hand würde es mir sicherlich noch nicht erlauben. Als ich nach Hause ankam, probierte ich es trotzdem. Nur so... Es war tatsächlich noch zu früh, aber ich war auch nicht mehr sehr weit davon, es zu können. Was nun sehr interessant ist: Es schien mir gar nicht mehr so schwer, wie früher, wie vor der Dystonie! Damals konnte ich es natürlich spielen, aber ich hatte auch immer ein bisschen Angst davor gehabt. Ist ja kein leichtes Stück. Ich hatte es noch nie aufgeführt und wäre vor einem Konzert sehr unruhig gewesen. Heute ist es ganz anders: Es ist ja noch ein bisschen früh, aber ich weiß, dass ich diese Sonate bald im Konzert spielen werde, und ich freue mich nur darauf!

2014

 

Am 2. und 7. März spielte ich in Göttingen und Hannoversch Münden mit diesem russischen Pianisten die Arpeggione-Sonate von Franz Schubert, die Sonate BWV 1031, das "Prélude à l'après-midi d'un faune" von Claude Debussy (Bearbeitung von Gustave Samazeuilh), die Aria von Albert Roussel und die 1. Sonate von Philippe Gaubert. Mit dem musikalischen Ergebnis war ich zwar sehr unzufrieden (ich bin nach einem Konzert sehr selten zufrieden...), aber die Hand zumindest hat kein Problem gemacht. Wissend, dass ich die Werke von Schubert, Debussy und Gaubert bis wenige Monate vor diesen Konzerten gar nicht spielen konnte, war das also sehr ermutigend.

 

10. Juli: Ich übe wieder die Capricen von Karg-Elert. Die meisten sind noch nicht im Tempo aber schon wesentlich schneller als bis jetzt, dazu ist das Spiel gleichmäßig und ganz ohne Verspannung... So gut habe ich in den letzten 6 Jahren nie gespielt!

 

Ende Juli, August: Wieder eine schwierige Periode. Noch ein paar schwierige Wochen mit miserabler Stimmung. Einige Tage nachdem ich mit den Capricen von Karg-Elert wieder angefangen hatte, eigentlich wie jedes Mal als ich wieder anfing, virtuose Stücke zu üben, wurde es mit der Hand wieder schlechter. Ich habe wieder ganz ernst überlegt, ob ich nicht mit der Flöte aufhören sollte.

 

Ende August: Nach ein paar Tagen mit wenig Üben wurden die Stimmung und die Perspektiven wieder besser. Vielleicht sollte ich nur noch lernen, mit den Folgen der Dystonie zurechtzukommen... Wahrscheinlich wird es nie wirklich genau wie vor der Dystonie, aber auch nie genau als ob keine Dystonie gewesen wäre. Vielleicht muss ich es so akzeptieren und auf manche hochvirtuose Werke verzichten. Vielleicht sollte ich damit zufrieden sein, die Werke, die ich spielen kann (die sind nun schon eine Menge) gut und sogar besser als früher zu spielen, auch wenn ich nicht mehr das ganze Repertoire spielen kann.

  

September: Eine neue Arbeitsphase fängt an. Ich spiele zuerst wieder alle meine Noten und notiere aus den Werken, die ich im Konzert spielen möchte, in einem Heft alle Passagen, die mir wegen der Dystonie schwer fallen. Die werde ich, parallel zur normalen Arbeit an Werken, immer wieder üben - langsam wiederholen und darauf achten, jegliche Verspannung zu vermeiden.

 

Die Angst, die die Verspannung verursacht, ganz verlernen... Das wird sicherlich noch Jahre dauern. Wenn ich aber alle diese Passagen zehn- bis hunderttausend Mal ruhig, entspannt und sauber wiederholt haben werde, wird mein Gehirn - hoffentlich - auch verstehen, dass es eben keinen Grund gibt, davor Angst zu haben. 

 

...

 

Doch habe ich mit dieser Methode bald aufgegeben. Es war mir wirklich zu langweilig. Dazu bin ich nicht mehr sicher, ob so ein Üben wirklich notwendig ist. Ich mag lieber nun ganz normal an Werken arbeiten. Nur muss ich immer sehr darauf achten, Verspannung zu vermeiden und immer mit leichten Fingern zu spielen. 

 

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Seit 2012 prüfe ich jedes Jahr, welche Werke aus allen meinen Noten ich spielen kann und welche noch nicht. Um ein möglichst objektives Bild der Entwicklung meiner Situation zu schaffen, probiere ich immer nur die gleichen Werke - ohne die Noten, die ich inzwischen gekauft habe:

 

2012 konnte ich aus diesen Noten 75 Werke spielen. (33,94 %)

2013 waren es 108 Werke. (48,87 %)

2014 waren es 154. (69, 68 %)

 

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Oktober: Als ich versuchte, meine beste Freundin zu motivieren, sich zu einem internationalen Wettbewerb anzumelden, las ich in den Teilnahmebedingungen eines, der im Dezember 2015 in Italien stattfinden soll: "Application is limited to flutists (...) born after 31 December 1966...". Ich habe gedacht, ich könnte mich selbst auch anmelden. Ich wollte damals an internationalen Wettbewerben teilnehmen, wurde aber, als ich das Niveau erreichte, wegen der Dystonie verhindert. Für die meisten - ich dachte alle - bin ich nun zu alt. 7 Jahre sind ja schon bald vergangen... Wenn einer mich aber heute noch erlaubt, teilzunehmen, wieso es nicht jetzt tun?

 

3. Dezember: Ich fange an, an das Programm des Wettbewerbes, dessen erste Runde in genau einem Jahr stattfinden wird, zu arbeiten. Mal sehen, wie ich es mit wieder mehr Üben, einem technisch ein bisschen anspruchsvollen Programm und dem Druck schaffe...

2015

 

Januar-März: Wieder eine schwere Zeit. Eine etwas depressive Stimmung ab und zu, das ist ja normal auch für "normale Leute"; desto mehr für einen Musiker, der - immerhin seit 7 Jahren - unter Dystonie leidet... Seit Anfang des Jahres übe ich wieder mehr und technisch anspruchsvollere Stücke. Wie es zu erwarten war, fühle ich in der Hand wieder mehr Spannung. Manchmal fühle ich sogar, dass der kleine Finger wieder nach unten, Richtung unter den Ringfinger will. Fast wie vor 6 Jahren (nur ist es heute nicht so stark, wie damals). Ich bin also nach so vielen Jahren nicht sehr weit gekommen...

 

So schlimm war es, dass ich mich wieder ganz ernst überlegte, ob ich nicht wirklich aufgeben sollte.

 

April: Es geht mir schon wieder viel besser, war nur so eine kleine, gewöhnliche "Dystoniker-Depression". Das letzte Mal? Man darf ja träumen...

 

Ich arbeite eigentlich nicht weniger, das gleiche Programm wie am Anfang des Jahres mit dazu ein paar neue Stücke, die auch nicht einfacher sind, aber es geht ziemlich gut. Ich soll nur aufpassen, immer mit ganz leichten Fingern zu spielen, ohne zu viel Kraft.

 

August: Ich habe an die Teilnahme an diesem Wettbewerb verzichtet. Auch das im Oktober geplante Konzert mit dem Programm des Wettbewerbs habe ich abgesagt. Mein Zustand hat sich zwar nicht wieder verschlechtert und ich konnte das Programm spielen, aber nicht so, wie ich es gewünscht hätte. Es hat keinen Sinn, an einem internationalen Wettbewerb teilzunehmen, wenn man nur hofft, in die 2. Runde zu kommen, und ein - aus meiner Sicht - nur mittelmäßiges Konzert will ich auch nicht mehr geben. Also warten, weiter arbeiten, und sehen, wie es sich weiter entwickelt...

 

Nun, es ist nur eine Verschiebung. Einen anderen Wettbewerb habe ich schon in Sicht, nächstes Jahr. Und dann hoffentlich auch wieder regelmäßige Konzerte. Bald mehr dazu...

2016

 

Februar: Eine interessante Entwicklung... Ich weiß nicht genau, wann es sich so verändert hat, habe aber festgestellt, dass ich seit ein paar Tagen einfach fast nicht mehr an Dystonie denke. Ich unterrichte, übe, spiele, probe, habe Konzerte und tatsächlich die Teilnahme an einem internationalen Flötenwettbewerb, im Oktober, vor... Ich fühle mich wieder frei.

 

September: Lange habe ich nichts mehr geschrieben... Inzwischen sind mehrere Konzerte gewesen, darunter zwei große, in diesem Monat.

 

Am 4. spielten wir mit meiner Freundin und Flötenduo-Partnerin Anne-Sophie Hartzer. Es war kein leichtes Programm und wir hatten dazu nur wenig Zeit für die Vorbereitung. Deshalb war wohl eine gewisse Spannung. Aber, ich glaube, während des ganzen Konzertes habe ich gar nicht an die Dystonie gedacht.

 

Und am 16. desselben Monates spielte ich das ganze Programm des Wettbewerbs: über eine Stunde reine Spieldauer, ohne Pause, mit ziemlich virtuosen Stücken... Bis kurz vor dem Konzert war ich beim Überlegen, ob ich nicht lieber absagen sollte. Wäre schade gewesen... Denn es hat den Zuhörern offensichtlich sehr gefallen. Manche haben mir auch dann gesagt oder geschrieben, wie viel Freude es ihnen gemacht habe... und ich selber - trotz der Verspannung an manchen Stellen wegen der Hand - habe während des Konzertes wirklich Freude beim Spielen gehabt. Als ich dann eine Aufnahme hörte, sollte ich auch zugeben, dass es viel besser gewesen war, als ich es zuerst empfand. (Sogar - und das passierte zum ersten Mal - wurde ich beim Anhören von meinem eigenen Spiel wirklich berührt.)

 

Unabhängig davon, was beim Wettbewerb passiert, wird es also auf jeden Fall eine sehr positive Erfahrung gewesen sein. Denn ohne diesen Wettbewerb in Sicht hätte ich mich nicht getraut, so ein anspruchsvolles Programm jetzt vorzuspielen. Und das, nach einer Dystonie so gemeistert zu haben, ist ein großer Sieg!

 

Dazu entwickle ich mich als Musiker immer weiter und ich denke nun, es ist wirklich recht und gut und wäre wünschenswert, dass ich wieder und regelmäßig konzertiere. Denn, mit oder ohne Dystonie, das, was ich heute schaffe, ist ein wertvolles musikalisches Ereignis. (Ich glaube, es ist wirklich - in aller Bescheidenheit - keinerlei weniger gut als das, was erfolgreiche Kollegen tun...) Ich würde mich also nur freuen, wenn ich es in der Zukunft öfter mit dem Publikum teilen darf.

 

Oktober: Der Wettbewerb ist nun vorbei. Auch wenn ich vom Ergebnis enttäuscht bin und die Wahl der Jury nicht nahvollziehen kann, erweist es sich tatsächlich als eine sehr positive Erfahrung. Ich kam in die zweite Runde aber nicht in das Finale, wie andere sehr gute Flötisten, wobei andere ausgewählt wurden, die da ihren Platz nicht hatten. Was mich betrifft, hat die Jury betont, es sei klar, dass ich ein professioneller Musiker bin, was mich von den meisten anderen Teilnehmern, die noch Studenten waren, unterschied. Professionelle Musiker, das waren eben 7 der 8 Finalisten definitiv nicht. Nur der, der den 1. Preis bekam, hatte das Niveau des Finale eines internationalen Wettbewerbs - der war wirklich sehr gut und hat den Preis wohl verdient. Was die anderen angeht, hörte es sich meiner Meinung nach eher wie das Klassenkonzert eines mittelmäßigen Konservatoriums... (Ich hätte sowieso keinen Preis erhalten können, denn ich war normalerweise zu alt, über die Altersgrenze, um teilnehmen zu dürfen. Da die Dystonie mir viele Jahre verhindert hatte, an Wettbewerbe teilzunehmen, bekam ich nur eine Sondergenehmigung, die mir es zwar erlaubte, aber eben ohne Anspruch auf einen Preis.) Nun davon abgesehen ist es - und besonders was gerade die Dystonie angeht - extrem positiv!

 

Denn: Ich meinte, ich sei wahrscheinlich - wegen der Dystonie und rein technisch gesehen - deutlich unter dem Niveau der besten Teilnehmer. Die Bemerkungen der Jury sagten aber, dass es gar nicht der Fall war. Die waren überhaupt sehr positiv (bis zu einem, dem mein Spiel offensichtlich nicht gefallen hat): "... ein echter Profi." _ "Sehr professionell." _ "... gespielt, wie ein Musiker machen soll." _ "Man bemerkt, dass du ein Professioneller Musiker bist." _ "... musikalisch sehr klug gebaut" _ "schönen Klang" _ "spannend"...

 

Und, was besonders die Dystonie betrifft: auch meine Technik, eben, wurde gelobt. Die wurde als "sehr gut", "sehr stabil", "souverän", bezeichnet. Die Juroren wurden erst beim Beratungsgespräch für die zweite Runde vom Veranstalter des Wettbewerbs über mein Problem und die Sonderbedingungen meiner Teilnahme informiert, und alle sagten, sie hatten nichts bemerkt...

 

Also - an die, die daran zweifelten: Ja, man kann nach einer Dystonie ein hohes, professionelles technisches Niveau wieder erreichen!

 

Man braucht dazu "nur" Mut, eine ordentliche und vernünftige Arbeit, lernen oder wiederlernen, auf seinen Körper zuzuhören, eine starke Wille und viel Geduld... Mut, Wille, und viel Geduld...

 

November: In den letzten Tagen habe ich wieder alle meine Noten probiert - genauer: alle die, die ich seit der Dystonie und bis jetzt nicht mehr spielen konnte. Wie ich es schon mal erzählte, hatte ich 2012, 2013 und 2014 jedes Jahr alle Noten probiert, um zu sehen, wie es sich entwickelt, und Jahr zu Jahr ein Vergleich machen zu können. (Nur letztes Jahr, 2015, hatte ich es nicht gemacht.)

 

Zur Erinnerung:

 

"Seit 2012 prüfe ich jedes Jahr, welche Werke aus allen meinen Noten ich spielen kann und welche noch nicht. Um ein möglichst objektives Bild der Entwicklung meiner Situation zu schaffen, probiere ich immer nur die gleichen Werke - aus der gleichen Liste, ohne die Noten, die ich inzwischen gekauft habe: 

 

(2009 konnte ich kaum ein paar Stücke oder Sätze spielen. 2010 waren es kaum mehr, vielleicht 10 bis 20 Werke - also 5 bis 9 % der Liste 2012.2011 wurde ein bisschen besser.) 

 

2012 konnte ich aus diesen Noten 75 Werke spielen = 33,94 %

2013 waren es 108 Werke = 48,87 %

2014 waren es 154 Werke = 69, 68 %"

 

Und nun kann ich 92,76 % dieser Werke spielen ! Ein großes wieder gewonnenes Repertoire - darunter: die 3 pièces von P.O. Ferroud, die Fantaisie über den Freischütz von Taffanel, die Sonaten von Poulenc und Prokofiev, eine ganze Reihe von Werken von Theobald Böhm, Chaminade, Enesco und Fauré (ja, auch solche kleine Werke waren vor zwei Jahren noch sehr problematisch), die Sonatine von Dutilleux, die Konzerte von Landowski, Ibert und Jolivet...

 

Nun bleiben kaum ein paar Werke, die mir noch wirklich Schwierigkeiten machen, und ich bin ziemlich sicher, dass ich die in 1 oder 2 Jahren auch schaffe. Und was dazu ganz toll ist: Bei den meistens, die ich gerade wieder kann, verstehe ich überhaupt nicht mehr, was damals schwer war, und viele, die ich vor der Dystonie zwar spielen konnte, die mir aber immer sehr schwer fielen, finde ich heute so leicht ! Ich habe - bis auf ein paar Passagen bei seltenen Stücken - meistens ein Gefühl von Leichtigkeit, das ich früher nie hatte...

 

So schön ist es ! Endlich geht es los... Ich bin so froh ! Also, ja, definitiv, mann kann aus der Dystonie rauskommen - und mit Vorteil !

 

Im Bau.

 Die Seite wird ergänzt... sobald ich die dafür

nötige Zeit finde.